Flächenangriff auf Post-Logistik durch Onlinehändler Amazon

Postmarkt - München,

Onlinehändler wie Amazon oder Zalando sind bisher vor allem eins: ein Wachstumskunde für die Paketdienstleister – allen voran für die DPDHL AG. Abermillionen Päckchen und Pakete laufen jedes Jahr aus den Lagerhallen und Verpackungszentralen der großen Onlinekaufhäuser und werden über das gesamte Bundesgebiet verteilt. Amazon hat auf die Verkürzung der Zustell-Wege gesetzt und das eigene Verteilnetz immer engmaschiger zu gestaltet. Mittlerweile sind es 12 Logistikzentren. Allen gemein, vielleicht mit der Ausnahme vom Standort Bad Hersfeld, ist, dass sie eine relative Nähe zu den großen Ballungszentren aufweisen. Egal ob Ruhrgebiet, Großraum Köln, München, Stuttgart, Hamburg oder Berlin – überall ist es nicht weit zu einem Amazon Logistikzentrum.

Daher ist es absehbar gewesen, dass der Onlineriese Amazon auch stärker im Logistiksegment mitmischen wird. Zudem entspricht es der Firmenphilosophie des Konzerns, jede Faser des eigenen Prozesse inhouse abzubilden. Das Jahr 2017 dürfte hierbei für Amazon Deutschland als Innovationsschub gewertet werden. Die Nachrichten, die in der Logistikbranche für Unruhe sorgen, kommen derzeit im Wochentakt.

Neue-Services-Logistik-Amazon-2017

Amazon Logistic - Meilenstein 2017

  • Mai: Amazon Prime liefert in Berlin innerhalb einer Stunde
  • Juni: AmazonFresh liefert in Berlin und Potsdam Lebensmittel Same-Day
  • August: Amazon Prime Now liefert in München innerhalb einer Stunde
  • September: Amazon Prime liefert in mittlerweile 20 deutschen Metropolregion Same-Day
  • September: Zahl der Amazon-Locker-Paketstationen steigt erstmals über 180 deutschlandweit
  • Oktober: Innovativer Zusteller-Ansatz – Crowd-Sourcing bei nebenberuflichen Zustellpartnern
Crowd-sourcing-zusteller

Crowd-Sourcing bei Amazon?

Verschiedene Medien berichten derzeit von Versuchen, mittels des Crowd-Prinzips mehr Zusteller für Amazon zu generieren. Ob dabei Amazon selbst interveniert oder aber ein Unternehmen, dass Morgenluft und Geld wittert, ist derzeit noch nicht ganz klar. Jedoch passt die agressive Suche nach helfenden Händen zur derzeitigen Entwicklung. Der Bedarf ist enorm - die Zahl der Zusteller sehr begrenzt. Derzeit ist es alles andere als sexy, Paketzusteller zu sein Anders als die früheren Zalando-Werbespots generieren, schreien die wenigsten bei Ansicht des Paketboten vor Glück.

Obwohl das Zustellangebot von Amazon enorm ist, ist naturgemäß nicht alles Gold, was glänzt. Gerade der Bereich Amazon Fresh und die Lieferzeitfenster von Amazon Prime Now sind noch lange nicht so ausgereift, wie oft kolportiert. Aber die Richtung ist hervorragend – mehr Service, mehr Variabilität in der Zustellung. Das kommt an! Nach verschiedenen Umfragen gilt Amazon mit seinen Lieferangeboten als einer der flexibelsten und am positivsten bewerteten Onlineshops in Deutschland.

KEP-Dienste stützen Amazon Services in erheblichem Maße

Natürlich entfällt dabei auch ein großer Anteil an Leistung auf die KEP-Dienste. Diese fahren entweder direkt unter der Flagge von Amazon als „Amazon Logistics“ oder sind als Subunternehmer besonders für die Eil- und Expresszustellungen zuständig. In diesem Geschäft ergeben sich enorme Chancen und Potentiale für die privaten Paketdienstleister. Zum einen profitieren die kleineren Unternehmen von der IT-Landschaft des Internetriesen, da dieser die eigenen technischen Grundlagen zur Verfügung stellt. Zum anderen werden selbst auf Fahrrad- und Lastenrad-Zustellung fokussierte Zusteller gern integriert, da Amazon so die Weste des klimaneutralen Versenders anziehen kann.

Folgen eines weiteren Logistikschubs bei Amazon für KEP

Bleibt die Frage nach der Zukunft. Mehrere Entwicklungen werden sich fortsetzen. Amazon wird immer neue Zustellvariationen aufnehmen und durch deren verzwicktere technische Umsetzung steigt das Bedürfnis nach einer zentralen softwareseitigen Lösung. Das wiederum steigert die Abhängigkeit der teilnehmenden Logistiker in Bezug auf den Auftraggeber Amazon. Der Onlineriese würde damit selbst nach und nach zu einem Logistikriesen, der selbst Branchengrößen wie Hermes, DPD oder auch die DHL durchaus in den Schatten stellen kann.

Weiterhin bleibt zu erwarten, dass Amazon mit neuen Ausbildungs- und Fortbildungsprogrammen immer mehr Logistikarbeitskräfte aus dem Markt ziehen wird. Ohne ein eigenes Konzept für den Nachwuchs ist da für die private Post kein Blumentopf zu gewinnen – jeder erfolgreiche Betrieb muss den eigenen Mitarbeiter durch gute Angebote und prima Klima binden.

Ein weiterer Punkt – Tempobestimmung! Wer innovativ vorangeht, bestimmt das Tempo. Wer reagiert, hechelt der Marktentwicklung hinterher und muss im Zweifel sogar mehr Geld und Zeit investieren, um einen Rückstand wieder aufzuholen. Die Digitalisierung ist bei Amazon kein bloßes Wort, sondern gelebte Firmenphilosophie – anders als bei der Mehrzahl der Postdienstleistern in Deutschland. Sollte sich die private Post als wirkliche Gemeinschaft regionaler und lokaler Anbieter zusammenfinden und gezielt gemeinsam die digitale Entwicklung vorantreiben, können sie den Markt mitbestimmen. Sollte diese gemeinsame Linie ausbleiben, ist zu erwarten, dass (auch) sie als Subunternehmer der großen Postlogistiker enden.

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