Briefbetrug bei Deutsche Post – private Dienstleister unter Verdacht

Postmarkt - Frankfurt/M.,

So oder so ähnlich lesen sich die Überschriften in den Online- und Offlinemedien. Kern der Nachricht ist ein ungeheuerlicher Betrugsfall. Private Dienstleister sollen nach ersten Erkenntnissen von Staatsanwaltschaft und Polizei hunderte Millionen Briefsendungen erfunden und dann in das Verteilsystem der Deutschen Post „eingespeist“ haben. Ersten Schätzungen zufolge beläuft sich der Schaden auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag. Insgesamt hat der zuständige Staatsanwalt drei Haftbefehle erlassen, gegen 11 weitere Personen wird ermittelt.

Der bisher bekannte Sachverhalt

Sortierzentrum-Deutsche-Post

Hauptsächlich im Briefzentrum Frankfurt am Main soll es über Jahre zur „Einspeisung“ der erfundenen Sendungen gekommen sein. Die Ermittlungen dazu laufen schon seit dem Frühjahr. Zu diesem Zeitpunkt sind Steuerfahnder über Unregelmäßigkeiten gestolpert – Kommissar Zufall hat also kräftig mitermittelt.

Der normale Ablauf ist denkbar einfach: Dienstleister bieten den Service des Abholens der Briefsendungen bei Großkunden und Unternehmen. Dann liefern sie die Briefe in den Verteilzentren an und erhalten dafür einen Anteil vom Porto, derzeit 44 Prozent, in echtem Geld derzeit knapp 31 Cent pro Brief. Mehrere hundert Millionen würden also einen Schaden eher an der Grenze zu 100 Millionen bei der Post verursachen.

Dringend empfohlen: Trennung zwischen privatem Postdienst und Post-Konsolidierer

Entscheidend, und in der medialen Darstellung zu stark vermischt, ist, dass es sich nicht um private Postdienstleister handelt – die auch als alternative Briefdienste bezeichnet werden. Diese Unternehmen bieten ebenfalls Postleistungen an, holen Briefe ab, frankieren und verteilen dann aber eigenständig. Die Deutsche Post nimmt hier nur eine nachgeordnete Verteilrolle ein, mehr Informationen dazu im Blogbeitrag Private Postdienstleister - starke Partner der DP DHL AG.

Die hier im Raum stehenden Firmen sind vielmehr direkte Dienstleister der Deutschen Post. Um einen entsprechenden Abholservice überhaupt bieten zu können, schaltet der Quasi-Monopolist Drittfirmen als Konsoldierer ein. Diese erhalten dann ihr Entgelt in Form einer Provision.

Übersicht der Berichterstattung

Deutsche Welle

„In der Regel sammeln externe Dienstleister Sendungen von Geschäftskunden ein und geben diese dann gebündelt direkt bei den Briefsortierzentren der Post ab. Sie erhalten von der Post für jeden angelieferten Brief eine Prämie, die bis zu 44 Prozent des Portos beträgt: Je mehr Briefe abgegeben werden, desto höher ist die Prämie. Überprüft wird die Zahl der Briefsendungen aber nur in Stichproben. "Der Betrug ist kinderleicht", zitierte die Zeitung einen Unternehmer. Daraus entwickelte sich offenbar ein großangelegtes kriminelles System, mutmaßlich mit Komplizen bei der Deutschen Post schreibt die "FAS".“

 

Wirtschaftswoche

„Der Ablauf ist normalerweise folgendermaßen: Dienstleister sammeln Sendungen von Geschäftskunden ein - zumeist Behörden oder Firmen, die täglich Tausende Briefe verschicken - und geben diese dann bereits frankiert direkt bei den Briefsortierzentren der Post ab. Dafür gewährt der Konzern Rabatte, die sich je nach Briefmenge erhöhen und die sich Dienstleister und Geschäftskunden teilen. Bei Briefen wird auch bei der Einsammlung durch die sogenannten Konsolidierer ein Standardporto von derzeit 70 Cent fällig; der Rabatt für die Dienstleister beträgt bis zu 44 Prozent - im Maximalfall also 31 Cent je Brief.“ „Zwar prüfen bei Anlieferung Mitarbeiter der Post anhand sogenannter Einlieferungslisten etwa die Vertragsnummer und die Art der Sendung. Letztlich bleibt es aber bei Stichproben, auch weil die wenigen Post-Beschäftigten die oft per Lastwagen herangekarrten Tonnen an Briefen nicht alle prüfen können. Danach landen die Briefe in der Sortierautomatik und werden schließlich von der Post zugestellt. Die „Konsolidierer“ operieren zumeist regional und verfügen nicht über das dichte Zustellnetz des klaren Marktführers.“

 

Gründe für diesen Millionenbetrug durch die Konsolidierer

Gerade Frankfurt am Main als Sitz vieler Unternehmen, die immer noch sehr stark auf das Kommunikationsmedium Brief setzen, bildet wohl ein besonders schattiges Fleckchen für den Betrug an Unternehmen und Briefkunden. Die Dienstleister speisten Briefe, die es nicht oder zumindest nicht in der Anzahl gab, samstags ins Verteilzentrum ein. Die Überprüfung, eh nur als Stichprobe konzipiert, fällt wegen der dünnen Mitarbeiterdecke am Samstag fast nie an, leichtestes Spiel.

Damit stellt sich die Frage: Wie kann in Zukunft ein solch betrügerisches Verhalten verhindert werden? Einerseits sollte die Deutsche Post die Wahl ihrer Dienstleister und Subunternehmer von Dritten testen lassen und andererseits ist Kontrolle der Sendungsmengen das beste Mittel. Letzteren Weg ist die Post schon gegangen. Durch mehrmaliges Durchzählen von Sendungen weiß das Unternehmen nun ziemlich genau, wie viele Briefe wo derzeit auflaufen. Das wird aber wohl nicht das Mittel der Zeit bleiben – die Digitalisierung muss und wird die Kontrollmechanismen ergänzen und später komplett in sich aufnehmen. Eine große Aufgabe, vor der auch die privaten Postanbieter stehen – die zwar keine Konsolidierer zu kontrollieren haben, aber bezüglich der Übergaben an Carrier und Netzwerkmitglieder vor vergleichbaren Anforderungen stehen.


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